Halleluja.
Wer heute von Granden redet, meint natürlich nicht die spanische Adelshierarchie, sondern er denkt an die CSU. Über die liest man wenigstens in diesen Tagen viel, vor allem über ihre "Granden", die sich täglich besprechen. Sie tun es, einer alten Tradition folgend, zuerst einmal hinter verschlossenen Türen und dann später in Einzelauftritten auch öffentlich. Das ist neu in der CSU und gibt zumindest einem der Granden das Stichwort dazu, dass er sich über das Verhalten seiner Mit-Granden herzlich beschwert.
Zugegeben, die Zeiten wollen sich ändern, manchmal wenigstens. Aber noch immer - zumal in Bayern - befinden Granden darüber, ob die Zeit das überhaupt darf und ob sie es sollte. Denn die Dinge haben sich schließlich bewährt in den zurückliegenden Generationen des Laptop- und Lederhosenlandes. Die irritierende Forderung nach einer Trennung der CSU-Ämter Parteivorsitz und Ministerpräsident hat es früher schließlich nie gegeben, geschweige denn die Tatsache selbst. Die großen Gremien der CSU haben stets ebenso folgsam wie begeistert abgesegnet, was die Damen und Herren Granden zuvor im kleinsten Zirkel ausgehandelt hatten. So kam mancher halt nie hoch und kaum jemand von denen, die oben waren, stürzte wirklich tief. Das System zeigte weißblaue Verlässlichkeit.
Und dann jetzt das: Da stellt plötzlich einer der Erfolgsgranden genau das System infrage, indem er selbst Karriere gemacht hat, beruft sich dabei auf Gottvater FJS persönlich und lässt zugleich zwischen sich und dem durch die Granden gerade Entmachteten kein Löschpapier, wie man so sagt.
Derweil allerdings werden die Bayernoberen wie bisher weiter miteinander mauscheln und die Dinge klar zu ziehen versuchen. Da muss man eben durch, werden sie mit frommem Blick nach oben sagen. Basisdruck von unten, das kann nur in Einfluss mindernder Unübersichtlichkeit enden und damit die bayerischen Glaubenssätze gefährden. Schließlich weiß doch jeder, und nicht nur die bayernmächtige katholische Kirche, Religion – auch die bayerische - kann niemals eine Angelegenheit der Willensbildung an der Basis sein.
Halleluja, luja, sog I!
Freitag, 26. Januar 2007
Freitag, 19. Januar 2007
Jagd.
Auch der große Martin Luther war nicht dagegen: Menschen - vor allem aber Frauen – sollte der gerechte Prozess gemacht werden beim begründeten Verdacht auf Teufelsbuhlschaft. Die Beweislage in solchen Fällen ist offenkundig schwierig, und deshalb unterzog man die Beschuldigten z. B. der „Wasserprobe“. Hielten sie sich oben im Wasser, dann waren es Hexen, denn wer konnte damals schon legitim schwimmen, und man ersäufte sie mit gutem Grund; oder sie versanken, dann waren es halt keine Hexen gewesen. So zuletzt 1836 im heutigen Polen. An die 60.000 Menschen sollen, bei Auswertung vorhandener Prozessakten, in den Jahrhunderten als Hexen vernichtet worden sein.
Höhepunkt der Hexenverfolgung war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der „Kleinen Eiszeit“. Die Welt im alten Deutschland hatte sich verwüstet und der kleine Klimawandel im Westen ließ das Land veröden und tief verarmen. Schuldige mussten her und waren schnell gefunden als Hexen. Rheinbach bei Bonn hat sich da einen besonderen Namen gemacht.
Inzwischen erleben wir den Klimawandel, wenn es denn einer ist, erneut mit ungutem Gefühl, Ohnmacht oder auch vollmundigen Erklärungen. Weit ist es vielleicht nicht mehr, dass wir uns über die Schuldigen ganz sicher sind, und dürfen darauf warten, wer wem zuerst an die Gurgel geht.
Derweil allerdings forscht die Wissenschaft erbarmungslos weiter und bringt zutage, dass sogar unsere geliebten Regenwälder Treibhausgase produzieren, genauso übrigens wie die Viehherden von Argentinien oder sonst wo, die das vielfach schädlichere Methan abgasen. Wir werden den Schwellenländern wie China oder Indien schwerlich das Auto ausreden und schon heute die Uhr danach stellen können, wann zwei Milliarden Menschen dort ihre wohlverdienten Wohlstandsrauchzeichen ablassen. Schließlich wäre da noch Mutter Natur selbst, der es gefiel, in der langen Erdgeschichte schon manche Hitze- und manche Eiszeit zu exekutieren, ganz ohne Kohlendioxid aus Kraftwerken …
So unpraktisch also war die Hexenjagd in der beginnenden Neuzeit vielleicht gar nicht. Sie sorgte wenigsten für klare Verhältnisse und gab den Menschen Frieden.
Auch der große Martin Luther war nicht dagegen: Menschen - vor allem aber Frauen – sollte der gerechte Prozess gemacht werden beim begründeten Verdacht auf Teufelsbuhlschaft. Die Beweislage in solchen Fällen ist offenkundig schwierig, und deshalb unterzog man die Beschuldigten z. B. der „Wasserprobe“. Hielten sie sich oben im Wasser, dann waren es Hexen, denn wer konnte damals schon legitim schwimmen, und man ersäufte sie mit gutem Grund; oder sie versanken, dann waren es halt keine Hexen gewesen. So zuletzt 1836 im heutigen Polen. An die 60.000 Menschen sollen, bei Auswertung vorhandener Prozessakten, in den Jahrhunderten als Hexen vernichtet worden sein.
Höhepunkt der Hexenverfolgung war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der „Kleinen Eiszeit“. Die Welt im alten Deutschland hatte sich verwüstet und der kleine Klimawandel im Westen ließ das Land veröden und tief verarmen. Schuldige mussten her und waren schnell gefunden als Hexen. Rheinbach bei Bonn hat sich da einen besonderen Namen gemacht.
Inzwischen erleben wir den Klimawandel, wenn es denn einer ist, erneut mit ungutem Gefühl, Ohnmacht oder auch vollmundigen Erklärungen. Weit ist es vielleicht nicht mehr, dass wir uns über die Schuldigen ganz sicher sind, und dürfen darauf warten, wer wem zuerst an die Gurgel geht.
Derweil allerdings forscht die Wissenschaft erbarmungslos weiter und bringt zutage, dass sogar unsere geliebten Regenwälder Treibhausgase produzieren, genauso übrigens wie die Viehherden von Argentinien oder sonst wo, die das vielfach schädlichere Methan abgasen. Wir werden den Schwellenländern wie China oder Indien schwerlich das Auto ausreden und schon heute die Uhr danach stellen können, wann zwei Milliarden Menschen dort ihre wohlverdienten Wohlstandsrauchzeichen ablassen. Schließlich wäre da noch Mutter Natur selbst, der es gefiel, in der langen Erdgeschichte schon manche Hitze- und manche Eiszeit zu exekutieren, ganz ohne Kohlendioxid aus Kraftwerken …
So unpraktisch also war die Hexenjagd in der beginnenden Neuzeit vielleicht gar nicht. Sie sorgte wenigsten für klare Verhältnisse und gab den Menschen Frieden.
Dienstag, 16. Januar 2007
Stattlich.
Staatsmedizin! Als Verdikt gegen die Gesundheitsreform saß das. Wenigstens meinte das voll Stolz Herr Dr. Westerwelle von der FDP, und er sprach damit für viele der „doctores“, die ihre Gehälter bei Humanmedizin, Pharma, Versicherungsvorständen, Kureinrichtungen oder auch nur im Personentransport verdienen.
In all’ den Jahren war es schließlich wunderbar gelaufen. Kuren wurden großzügig genehmigt durch die Landesversorgungsämter, Staatsdiener bekamen bei einigem Geschick mehr von Versicherung und Beihilfe erstattet, als sie selbst an Krankenkosten nachgewiesen hatten, das Taxigewerbe für die sogenannten Krankenfahrten blühte, die Zahl der Apotheken in den Stadtvierteln stieg unablässig und die Bewerberschlangen für ein Medizinstudium, das Vater Staat nachhaltig subventioniert, wurden immer länger. Das alles war natürlich keine Staatsmedizin, sondern ein staatlich geregeltes, opulentes Finanzierungswesen, mit denen sich als Betroffener bestens leben ließ.
Korruption in diesem schlecht kontrollierten, ewig wachsendem Erstattungssystem war allgegenwärtig. Viele machten mit, Ärzte, Apotheker, Kureinrichtungen, Pharmaindustrie und nicht zuletzt auch die Patienten selbst. Das ging solange gut, wie Vater Staat auf politischen Befehl immer wieder die Brieftasche öffnete und nicht gedeckte Kosten durch Steuermittel ausglich.
Nun aber schreit dieser Staat hörbar laut, hat lästige Kontrollen zum Ausgabenverhalten aller Beteiligten eingeführt, hat Budgets gedeckelt und hat viele Leistungsbereiche im Gesundheitswesen gekürzt oder gar gestrichen. Das tut natürlich weh, nicht nur den Patienten, sondern auch allen, die früher opulent am System Staatsfinanzierung bei den Gesundheitskosten verdient hatten.
Kurz um, die Stunde von medial geschickt inszeniertem Protest war gekommen, sogar Laienschauspieler werden für Demos eingesetzt. Für Herrn Dr. Westerwelle endlich eine Bühne, sich selbst mal wieder in Erinnerung zu bringen. Ob sich dadurch Mehrheiten verändern in der deutschen Politik? Mag sein. Mit Sicherheit aber nicht der schier grenzenlose, staatliche Nachschussbedarf bei den Gesundheitskosten. Und gegen diesen gezwungenermaßen stattlichen Staat hat auch keiner was, gell?
Staatsmedizin! Als Verdikt gegen die Gesundheitsreform saß das. Wenigstens meinte das voll Stolz Herr Dr. Westerwelle von der FDP, und er sprach damit für viele der „doctores“, die ihre Gehälter bei Humanmedizin, Pharma, Versicherungsvorständen, Kureinrichtungen oder auch nur im Personentransport verdienen.
In all’ den Jahren war es schließlich wunderbar gelaufen. Kuren wurden großzügig genehmigt durch die Landesversorgungsämter, Staatsdiener bekamen bei einigem Geschick mehr von Versicherung und Beihilfe erstattet, als sie selbst an Krankenkosten nachgewiesen hatten, das Taxigewerbe für die sogenannten Krankenfahrten blühte, die Zahl der Apotheken in den Stadtvierteln stieg unablässig und die Bewerberschlangen für ein Medizinstudium, das Vater Staat nachhaltig subventioniert, wurden immer länger. Das alles war natürlich keine Staatsmedizin, sondern ein staatlich geregeltes, opulentes Finanzierungswesen, mit denen sich als Betroffener bestens leben ließ.
Korruption in diesem schlecht kontrollierten, ewig wachsendem Erstattungssystem war allgegenwärtig. Viele machten mit, Ärzte, Apotheker, Kureinrichtungen, Pharmaindustrie und nicht zuletzt auch die Patienten selbst. Das ging solange gut, wie Vater Staat auf politischen Befehl immer wieder die Brieftasche öffnete und nicht gedeckte Kosten durch Steuermittel ausglich.
Nun aber schreit dieser Staat hörbar laut, hat lästige Kontrollen zum Ausgabenverhalten aller Beteiligten eingeführt, hat Budgets gedeckelt und hat viele Leistungsbereiche im Gesundheitswesen gekürzt oder gar gestrichen. Das tut natürlich weh, nicht nur den Patienten, sondern auch allen, die früher opulent am System Staatsfinanzierung bei den Gesundheitskosten verdient hatten.
Kurz um, die Stunde von medial geschickt inszeniertem Protest war gekommen, sogar Laienschauspieler werden für Demos eingesetzt. Für Herrn Dr. Westerwelle endlich eine Bühne, sich selbst mal wieder in Erinnerung zu bringen. Ob sich dadurch Mehrheiten verändern in der deutschen Politik? Mag sein. Mit Sicherheit aber nicht der schier grenzenlose, staatliche Nachschussbedarf bei den Gesundheitskosten. Und gegen diesen gezwungenermaßen stattlichen Staat hat auch keiner was, gell?
Sonntag, 7. Januar 2007
Vorspann.
Da haben wir also mit dem Film „Mein Führer - ….“ und Helge Schneider in der Hauptrolle allen Ernstes eine Diskussion darüber, ob man Hitler zum Stoff für eine Film-Satire machen darf. Vorbilder seien immerhin zur Hand, etwa die von Charles Chaplin schon 1940 gedrehte Hitlersatire „Der große Diktator“. Genau das aber ist der Unterschied: 1940 war eine solche Satire noch denkbare Auseinandersetzung mit einem deutschen Wahnsinnigen, dem bis dahin sogar von den Westmächten viel zu viel Stillhalten, Geschäftssinn und Zustimmung zugeflossen war. Ein erlaubtes Mittel also. Und heute?
Hitler steht als Metapher für das organisierbare Grauen schlechthin. Wer immer da noch Menschelndes, Komisches ausmacht, dem möge die Feder sofort vertrocknen, der hat bis zur Selbstverstümmelung seiner Seele alles verdrängt, oder er will einfach nur ein Geschäftchen machen. Das völlig Un-Fassbare, im Denken, im Tun und im Wort, was in Hitlers Namen an Menschen von Menschen gewissenhaft verübt wurde, ist Fluch und Menetekel, keine Stoffsammlung für heitere Regie und Mischpult. Es ist die Summe unendlichen menschlichen Versagens. Eine bittere Wahrheit also, die in keine andere Form passt als die der Demut und der Besorgnis.
Den Kinomachern sei vorgegeben, ihren Film als Vorspann mit Szenen aus der Befreiung des KZ-Buchenwald durch die Alliierten anzustarten. Die Bevölkerung von Weimar musste damals auch gezwungen werden, sich das anzusehen. Und das war gut so.
Da haben wir also mit dem Film „Mein Führer - ….“ und Helge Schneider in der Hauptrolle allen Ernstes eine Diskussion darüber, ob man Hitler zum Stoff für eine Film-Satire machen darf. Vorbilder seien immerhin zur Hand, etwa die von Charles Chaplin schon 1940 gedrehte Hitlersatire „Der große Diktator“. Genau das aber ist der Unterschied: 1940 war eine solche Satire noch denkbare Auseinandersetzung mit einem deutschen Wahnsinnigen, dem bis dahin sogar von den Westmächten viel zu viel Stillhalten, Geschäftssinn und Zustimmung zugeflossen war. Ein erlaubtes Mittel also. Und heute?
Hitler steht als Metapher für das organisierbare Grauen schlechthin. Wer immer da noch Menschelndes, Komisches ausmacht, dem möge die Feder sofort vertrocknen, der hat bis zur Selbstverstümmelung seiner Seele alles verdrängt, oder er will einfach nur ein Geschäftchen machen. Das völlig Un-Fassbare, im Denken, im Tun und im Wort, was in Hitlers Namen an Menschen von Menschen gewissenhaft verübt wurde, ist Fluch und Menetekel, keine Stoffsammlung für heitere Regie und Mischpult. Es ist die Summe unendlichen menschlichen Versagens. Eine bittere Wahrheit also, die in keine andere Form passt als die der Demut und der Besorgnis.
Den Kinomachern sei vorgegeben, ihren Film als Vorspann mit Szenen aus der Befreiung des KZ-Buchenwald durch die Alliierten anzustarten. Die Bevölkerung von Weimar musste damals auch gezwungen werden, sich das anzusehen. Und das war gut so.
Donnerstag, 28. Dezember 2006

Steinbruch.
Stifter sind ehrenwerte Leute. Wenn sie im Mittelalter etwa eine komplette Kirche gestiftet hatten, erinnert ein Denkmal an sie – gewiss zu Recht. Wir betrachten es mit Ehrfurcht und mit Gewinn – stets offen für alle gelehrten Deutungen. Zwar mag es damals handfeste Gründe gegeben haben, für das Heil in der Ewigkeit ein wenig vorzusorgen. Denn man hatte sehr drastische Vorstellungen davon, was armen Sündern in Fegefeuer und Hölle blühte, wenn sie nicht beizeiten noch reuig stifteten. Die Kirche kam so zu mancher Zuwendung, die Menschheit freute sich, die Kunstgeschichte notierte es dankbar und liefert im Gegenzug bis heute ungezählte Dissertationen.
Im berühmten Dom zu Naumburg an der Saale sind Skulpturen zu bewundern, die an frühe Stifter erinnern. Diese Stifter allerdings waren lange schon verstorben, ehe ein unbekannter Bildhauer sich zu ihrer Ehre ans Werk machte. Ähnlichkeiten mit den Jahrzehnte vorher lebenden Personen sind deshalb auszuschließen, es gab noch keine fotografischen Vorlagen. Und so entstand auch die Skulptur der „Uta von Naumburg“ (Uta von Ballenstedt, 1000?-1046). Dem Bildhauer war es gelungen, dieser Dame etwas in die Gesichtszüge zu legen, was Jahrhunderte später zur Ikone geriet, jetzt übrigens wegen schön inszenierter Fotos aus dem 19.Jahrhundert. Man entdeckte schließlich nach 1933 bei dieser kinderlosen Gräfin des Mittelalters alle Tugenden der guten Deutschen, des keuschen Mädchens und der Mutter des Volkes, und verschaffte ihr in der hauseigenen Propaganda einen Spitzenplatz.
Allerdings gab die gleiche Skulptur auch Deutungsgelegenheit für andere, als quasi "sozialistische Volksgenossin". So wird denn auch fertig behauener Stein wieder zum Steinbruch für den Zeitgeist. Dessen eigenes Schicksal holt ihn sozusagen ein, damals vor 800 Jahren, als Bildhauer anderen Weltsichten verpflichtet waren und ein Stifterdenkmal zu schaffen hatten, das mit den historischen Personen nur wenig zu tun haben sollte. Es konnte sogar nicht einmal in der von ihnen gestifteten Kirche aufgestellt werden. Denn diese Kirche gab es schon gar nicht mehr, war sie doch nur ein Vorläufer des Naumburger Domes, für den erst diese Skulptur in Auftrag gegeben worden war.
Wir lernen daraus, dass die Menschen so waren, wie sie heute sind: Sie bauen sich nach Tagesbedarf ihr Weltbild, nicht immer ganz freiwillig und wenn nötig auch aus Stein. Die mittelalterliche Markgräfin Uta von Ballenstedt hat es dabei in Naumburg erwischt, als alle Welt ein Foto einer Steinmetzarbeit bestaunte.
Sie konnte sich nicht wehren und sie möge in Frieden ruhen.
Bis zum nächsten Mal.
Stifter sind ehrenwerte Leute. Wenn sie im Mittelalter etwa eine komplette Kirche gestiftet hatten, erinnert ein Denkmal an sie – gewiss zu Recht. Wir betrachten es mit Ehrfurcht und mit Gewinn – stets offen für alle gelehrten Deutungen. Zwar mag es damals handfeste Gründe gegeben haben, für das Heil in der Ewigkeit ein wenig vorzusorgen. Denn man hatte sehr drastische Vorstellungen davon, was armen Sündern in Fegefeuer und Hölle blühte, wenn sie nicht beizeiten noch reuig stifteten. Die Kirche kam so zu mancher Zuwendung, die Menschheit freute sich, die Kunstgeschichte notierte es dankbar und liefert im Gegenzug bis heute ungezählte Dissertationen.
Im berühmten Dom zu Naumburg an der Saale sind Skulpturen zu bewundern, die an frühe Stifter erinnern. Diese Stifter allerdings waren lange schon verstorben, ehe ein unbekannter Bildhauer sich zu ihrer Ehre ans Werk machte. Ähnlichkeiten mit den Jahrzehnte vorher lebenden Personen sind deshalb auszuschließen, es gab noch keine fotografischen Vorlagen. Und so entstand auch die Skulptur der „Uta von Naumburg“ (Uta von Ballenstedt, 1000?-1046). Dem Bildhauer war es gelungen, dieser Dame etwas in die Gesichtszüge zu legen, was Jahrhunderte später zur Ikone geriet, jetzt übrigens wegen schön inszenierter Fotos aus dem 19.Jahrhundert. Man entdeckte schließlich nach 1933 bei dieser kinderlosen Gräfin des Mittelalters alle Tugenden der guten Deutschen, des keuschen Mädchens und der Mutter des Volkes, und verschaffte ihr in der hauseigenen Propaganda einen Spitzenplatz.
Allerdings gab die gleiche Skulptur auch Deutungsgelegenheit für andere, als quasi "sozialistische Volksgenossin". So wird denn auch fertig behauener Stein wieder zum Steinbruch für den Zeitgeist. Dessen eigenes Schicksal holt ihn sozusagen ein, damals vor 800 Jahren, als Bildhauer anderen Weltsichten verpflichtet waren und ein Stifterdenkmal zu schaffen hatten, das mit den historischen Personen nur wenig zu tun haben sollte. Es konnte sogar nicht einmal in der von ihnen gestifteten Kirche aufgestellt werden. Denn diese Kirche gab es schon gar nicht mehr, war sie doch nur ein Vorläufer des Naumburger Domes, für den erst diese Skulptur in Auftrag gegeben worden war.
Wir lernen daraus, dass die Menschen so waren, wie sie heute sind: Sie bauen sich nach Tagesbedarf ihr Weltbild, nicht immer ganz freiwillig und wenn nötig auch aus Stein. Die mittelalterliche Markgräfin Uta von Ballenstedt hat es dabei in Naumburg erwischt, als alle Welt ein Foto einer Steinmetzarbeit bestaunte.
Sie konnte sich nicht wehren und sie möge in Frieden ruhen.
Bis zum nächsten Mal.
Samstag, 23. Dezember 2006
Digitalfutter.
Es ist ein sehr erfolgreiches Rezept: wer Menschen wirklich beherrschen, wer sie unterwerfen will, der muss ihnen zuerst die Persönlichkeit nehmen. Besonders bewährt hat sich dabei, diesen Menschen den Namen zu verstümmlen oder ganz zu streichen. Menschen werden danach zu austauschbaren Nummern, die sich im Machtsystem beliebig zuweisen und verarbeiten lassen. Diktaturen in der ganzen Welt tun das bis heute. Und so können wir uns freuen, dass in unserer Verfassung immerhin schon seit 1919 (Artikel 109 der Weimarer Verfassung) zu lesen ist, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. In Deutschland hat das zwar länger gedauert als anderswo, es musste erst noch ein ganzer Weltkrieg Verwüstung bringen, aber dann war es endlich soweit (von einem Zwölfjahresrückfall in braunen Terror einmal abgesehen).
Seitdem freilich hat uns dieses einzigartige Grundrecht, materiell als unser „unveränderbares Recht am eigenen Namen“, etwas schläfrig gemacht, und wir haben seinen prinzipiellen Rang aus den Augen verloren. Denn Gefahr droht lange schon aus einer ganz anderen, sich harmlos gebenden Ecke. Es sind die fern auf der Welt arbeitenden Programmierer und Systementwickler, die uns offenbar ohne schlechtes Gewissen zu Digitalfutter vermahlen wollen.
Erinnern wir uns: anfänglich waren die elektronischen Datenverarbeiter nicht in der Lage, Personennamen zu verdauen, die sich mit Umlaut schrieben oder aus mehreren Worten zusammengesetzt waren bei unterschiedlicher Groß- und Kleinschreibung. Also verstümmelten oder verfälschten sie, wie es gerade passte. Mehr als ein freundliches Achselzucken hatten die Verantwortlichen dabei nicht übrig für uns. Es seien Sachzwänge, sagten sie, und wir nahmen das hin.
Inzwischen sind die Dinge zwar weiter gekommen, Umlaute sind endlich zugelassen und bei intelligenter, loyaler Programmierung kann es sogar gelingen, dass aus einer korrekt gespeicherten Adresse auch eine korrekte Anrede im Serienbrief generiert wird - oder zumindest werden könnte. Denn nach wie vor erhalten wir massenhaft Steuerbescheide, Arztabrechnungen, Versicherungspolicen oder Spendenbettelbriefe mit ärgerlichster Verstümmelung unseres Namens. Unsere Schuld: Unser Familiennamen passt nicht ins Herrschaftsschema veralteter Software, und vor allem: wir ducken uns.
Genau das aber weicht die guten Sitten auf, macht lautlos Schule und legitimiert Folgeschlampereien zu (schlechten) Gewohnheiten. Sogar in der FAZ vom 22.12.2006 lesen wir: „Leyen: Geburt nicht künstlich verzögern“. Die hier gemeinte Person heißt mit Familiennamen „von der Leyen“, was aber schert das schon die Texter. Denen geht – aus Sachzwängen natürlich – „Kurz vor Richtig“. Erst also, wenn man simpel Köhler heißt, taucht das in einer FAZ- Schlagzeile (vom gleichen Tag) unbeschädigt auf.
Kurzum, wehren wir uns! Wir sind längst über die Anfangsmarke hinaus. Es lohnt sich. Denn erst der ganze Name macht uns zur Person. Das wussten die Verfassungsväter sehr gut, und das sind wir uns und allen anderen wirklich schuldig.
Es ist ein sehr erfolgreiches Rezept: wer Menschen wirklich beherrschen, wer sie unterwerfen will, der muss ihnen zuerst die Persönlichkeit nehmen. Besonders bewährt hat sich dabei, diesen Menschen den Namen zu verstümmlen oder ganz zu streichen. Menschen werden danach zu austauschbaren Nummern, die sich im Machtsystem beliebig zuweisen und verarbeiten lassen. Diktaturen in der ganzen Welt tun das bis heute. Und so können wir uns freuen, dass in unserer Verfassung immerhin schon seit 1919 (Artikel 109 der Weimarer Verfassung) zu lesen ist, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. In Deutschland hat das zwar länger gedauert als anderswo, es musste erst noch ein ganzer Weltkrieg Verwüstung bringen, aber dann war es endlich soweit (von einem Zwölfjahresrückfall in braunen Terror einmal abgesehen).
Seitdem freilich hat uns dieses einzigartige Grundrecht, materiell als unser „unveränderbares Recht am eigenen Namen“, etwas schläfrig gemacht, und wir haben seinen prinzipiellen Rang aus den Augen verloren. Denn Gefahr droht lange schon aus einer ganz anderen, sich harmlos gebenden Ecke. Es sind die fern auf der Welt arbeitenden Programmierer und Systementwickler, die uns offenbar ohne schlechtes Gewissen zu Digitalfutter vermahlen wollen.
Erinnern wir uns: anfänglich waren die elektronischen Datenverarbeiter nicht in der Lage, Personennamen zu verdauen, die sich mit Umlaut schrieben oder aus mehreren Worten zusammengesetzt waren bei unterschiedlicher Groß- und Kleinschreibung. Also verstümmelten oder verfälschten sie, wie es gerade passte. Mehr als ein freundliches Achselzucken hatten die Verantwortlichen dabei nicht übrig für uns. Es seien Sachzwänge, sagten sie, und wir nahmen das hin.
Inzwischen sind die Dinge zwar weiter gekommen, Umlaute sind endlich zugelassen und bei intelligenter, loyaler Programmierung kann es sogar gelingen, dass aus einer korrekt gespeicherten Adresse auch eine korrekte Anrede im Serienbrief generiert wird - oder zumindest werden könnte. Denn nach wie vor erhalten wir massenhaft Steuerbescheide, Arztabrechnungen, Versicherungspolicen oder Spendenbettelbriefe mit ärgerlichster Verstümmelung unseres Namens. Unsere Schuld: Unser Familiennamen passt nicht ins Herrschaftsschema veralteter Software, und vor allem: wir ducken uns.
Genau das aber weicht die guten Sitten auf, macht lautlos Schule und legitimiert Folgeschlampereien zu (schlechten) Gewohnheiten. Sogar in der FAZ vom 22.12.2006 lesen wir: „Leyen: Geburt nicht künstlich verzögern“. Die hier gemeinte Person heißt mit Familiennamen „von der Leyen“, was aber schert das schon die Texter. Denen geht – aus Sachzwängen natürlich – „Kurz vor Richtig“. Erst also, wenn man simpel Köhler heißt, taucht das in einer FAZ- Schlagzeile (vom gleichen Tag) unbeschädigt auf.
Kurzum, wehren wir uns! Wir sind längst über die Anfangsmarke hinaus. Es lohnt sich. Denn erst der ganze Name macht uns zur Person. Das wussten die Verfassungsväter sehr gut, und das sind wir uns und allen anderen wirklich schuldig.
Mittwoch, 20. Dezember 2006

Zuwachs.
Weimar wächst - andere Städte in Thüringen tun das nicht. Aber es liegt nicht daran, dass die Jungen hier nicht abwandern würden wie anderswo, sondern weil die Alten kommen. Die haben das schöne, das überschaubare, traditionsreiche Weimar ins Herz geschlossen. Ungewöhnlich erfolgreich ist deshalb das Angebot an Seniorenstiften und Heimen in der Stadt. Das kleine Weimar bietet derweil ein großes und vielseitiges Freizeitprogramm mit seinen Museen, Theatern, seinen Parks und nicht zuletzt mit seinen großen Namen, die Weimar geprägt haben. Es war und ist also viel los in Weimar und mit ein wenig Geschick lässt sich der jüngeren Plattenbauvergangenheit dieser Stadt ausweichen.
Etwas außerhalb von Weimar gibt es eine Gedenkstätte, zu der ein Bus hinführt. Es gibt diesen Ort seit 1937, als das stramm nationalsozialistische Weimar hier ein KZ errichtete mit dem späteren Kunstnamen "Buchenwald". Eigentlich ist es der Ettersberg, den schon Goethe gerne besuchte und dort zu Füßen einer Eiche seinen Gedanken nachhing. Das „Lager Ettersberg“ wurde deshalb schnell auf Protest der Weimarer Bevölkerung in Buchenwald umgetauft. Buchen gibt es dort allerdings wenige.
Das Eingangstor zu diesem riesigen Lagerkomplex ist noch im Original erhalten und begrüßt seine Besucher dräuend mit „Jedem das Seine“. Gleich links dann die Folterzellen und rechts hinten auf dem heutigen Freigelände das Krematorium mit der Genickschussanlage der SS. Getarnt in einem Arztzimmer kamen die tödlichen Schüsse bei Bedarf durch einen Schieber-Schlitz - zur ärztlichen Bestimmung der Körpergröße. Jedem das Seine.
Direkt am 380-Volt-Zaun der Anlage, aber auf der Freiheitsseite, noch die Reste eines kleinen Bärengeheges für die Kinder der Aufseherfamilien. Die werden ihren Spaß gehabt haben. Einen eigenen Bahnanschluss bekam dieses KZ allerdings erst relativ spät. Der Weimarer Bahnhof selbst war indessen gut geeignet - und niemand natürlich hatte in den Jahren was bemerkt von dem Zusammentreiben Tausender auf dem Bahnsteig Richtung Buchenwald.
Das alles wird heute in der Gedenkstätte würdig erinnert. Und deshalb kann man sich vielleicht entlastet den wahren Schönheiten der alten Stadt zuwenden, etwa dem Bauhaus-Museum, das auch in Erinnerung hält, wie die Bauhaus-Kunstbewegung in Weimar schon Mitte der Zwanziger Jahre wegen „Entartung“ aus dem Ort vertrieben wurde – immerhin acht Jahre vor der Machtergreifung. Ausgeschildert ist der Weg zum „Hotel Elefant“, dem vormaligen „Haus-Elefant“, in dem sich Hitler von seinen Weimarern frenetisch bejubeln ließ.
Es ist, sagt die Fremdenführerin leise, in Weimar die ganze deutsche Geschichte wie in einer Nussschale zu fassen, hier Goethe, da Buchenwald. Die neuen Alten von Weimar haben sich damit wohl längst arrangiert. „Jedem das Seine“, denken sie vielleicht und blättern verzückt im Kulturprogramm der Stadt.
Weimar wächst - andere Städte in Thüringen tun das nicht. Aber es liegt nicht daran, dass die Jungen hier nicht abwandern würden wie anderswo, sondern weil die Alten kommen. Die haben das schöne, das überschaubare, traditionsreiche Weimar ins Herz geschlossen. Ungewöhnlich erfolgreich ist deshalb das Angebot an Seniorenstiften und Heimen in der Stadt. Das kleine Weimar bietet derweil ein großes und vielseitiges Freizeitprogramm mit seinen Museen, Theatern, seinen Parks und nicht zuletzt mit seinen großen Namen, die Weimar geprägt haben. Es war und ist also viel los in Weimar und mit ein wenig Geschick lässt sich der jüngeren Plattenbauvergangenheit dieser Stadt ausweichen.
Etwas außerhalb von Weimar gibt es eine Gedenkstätte, zu der ein Bus hinführt. Es gibt diesen Ort seit 1937, als das stramm nationalsozialistische Weimar hier ein KZ errichtete mit dem späteren Kunstnamen "Buchenwald". Eigentlich ist es der Ettersberg, den schon Goethe gerne besuchte und dort zu Füßen einer Eiche seinen Gedanken nachhing. Das „Lager Ettersberg“ wurde deshalb schnell auf Protest der Weimarer Bevölkerung in Buchenwald umgetauft. Buchen gibt es dort allerdings wenige.
Das Eingangstor zu diesem riesigen Lagerkomplex ist noch im Original erhalten und begrüßt seine Besucher dräuend mit „Jedem das Seine“. Gleich links dann die Folterzellen und rechts hinten auf dem heutigen Freigelände das Krematorium mit der Genickschussanlage der SS. Getarnt in einem Arztzimmer kamen die tödlichen Schüsse bei Bedarf durch einen Schieber-Schlitz - zur ärztlichen Bestimmung der Körpergröße. Jedem das Seine.
Direkt am 380-Volt-Zaun der Anlage, aber auf der Freiheitsseite, noch die Reste eines kleinen Bärengeheges für die Kinder der Aufseherfamilien. Die werden ihren Spaß gehabt haben. Einen eigenen Bahnanschluss bekam dieses KZ allerdings erst relativ spät. Der Weimarer Bahnhof selbst war indessen gut geeignet - und niemand natürlich hatte in den Jahren was bemerkt von dem Zusammentreiben Tausender auf dem Bahnsteig Richtung Buchenwald.
Das alles wird heute in der Gedenkstätte würdig erinnert. Und deshalb kann man sich vielleicht entlastet den wahren Schönheiten der alten Stadt zuwenden, etwa dem Bauhaus-Museum, das auch in Erinnerung hält, wie die Bauhaus-Kunstbewegung in Weimar schon Mitte der Zwanziger Jahre wegen „Entartung“ aus dem Ort vertrieben wurde – immerhin acht Jahre vor der Machtergreifung. Ausgeschildert ist der Weg zum „Hotel Elefant“, dem vormaligen „Haus-Elefant“, in dem sich Hitler von seinen Weimarern frenetisch bejubeln ließ.
Es ist, sagt die Fremdenführerin leise, in Weimar die ganze deutsche Geschichte wie in einer Nussschale zu fassen, hier Goethe, da Buchenwald. Die neuen Alten von Weimar haben sich damit wohl längst arrangiert. „Jedem das Seine“, denken sie vielleicht und blättern verzückt im Kulturprogramm der Stadt.
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